Meinungsspektrum

Frankfurt Bahnhofsviertel

Beiträge zur Diskussion – persönlich, fundiert, konstruktiv. Gerne kontrovers.

 

Niddasack Democracy Lab 6.9.2025

Seid kreativ! Ein Plädoyer

Andreas Döring

26.08.2026

Niddasack Democracy Lab 6.9.2025

Das Angst-Kartell (nicht nur) im Frankfurter Bahnhofsviertel – Eine Glosse

Katharina Wiench / Torsten Weber

06.04.2026

Niddasack Democracy Lab 6.9.2025

Offener Brief an ALLE im Bahnhofsviertel

Torsten Weber

31.08.2017

Seid kreativ! Ein Plädoyer

Andreas Döring, 26.08.2026

Vor wenigen Tagen war ich bei einer Ortsbeiratssitzung des Ortsbeirats 2 (Bockenheim, Kuhwald, Westend). Neben vielen anderen Themen wurden dort zwei Anträge diskutiert, die die CDU-Fraktion im Ortsbeirat eingebracht hatte: ‚Drogenprobleme im südlichen Westend‘, Antrag vom 27.05.2026, OF 41/2, und ‚Westendplatz wieder sicher und sauber gestalten‘, Antrag vom 22.07.2026, OF 85/2. Unten sind beide Anträge verlinkt.

Hintergrund ist, dass im südlichen Westend offener Drogenhandel sowie ‚mutmaßliche Prostitutions- und Ausbeutungsaktivitäten‘ von Anwohnern gemeldet wurden. Außerdem gab es wohl vermehrt Müll um einen Altglas- und Altkleidercontainer am Westendplatz.

Ich habe nichts mit den Anträgen zu tun, ich gehöre auch keiner Partei, Fraktion oder Institution an. Kurz, ich war als Bürger dort, in einer anderen Angelegenheit, aber das Thema und der Ablauf der Diskussion haben mich nachdenklich gemacht.

Blick zum Westendplatz

Blick zum Westendplatz

Zwei Anträge der CDU, die zentral die Forderung nach mehr Polizei und mehr Überwachung enthalten, um das Sicherheitsgefühl der Bürger zu erhöhen. Außerdem die Aufforderung an den Magistrat, ein „tragfähiges Konzept zu erarbeiten, um eine nachhaltige Verbesserung der zunehmend besorgniserregenden Sicherheits- und Ordnungslage im Westend Süd zu erreichen, die vor allem durch das angrenzende Bahnhofsviertel hervorgerufen wird.“.

In dieser Erzählung ist das Bahnhofsviertel das Schmuddelkind. Was von dort kommt, muss abgewehrt werden, unterdrückt, zurückgedrängt. In der Bürgersprechstunde zu Anfang der Sitzung hatte eine Bürgerin von einer eingeschlagenen Autoscheibe in der Gegend berichtet (am selben Morgen passiert und nicht aufgeklärt), sonst waren keine konkreten Straftaten Thema. Wohl aber herumliegender Müll, Uringeruch und Fäkalien. Bürger fühlen sich unsicher, wenn menschliches Elend, Sucht und ihre Folgen in den Nahbereich rücken. Passiert das alles in 200 Metern Entfernung, ist das in Ordnung, aber in 50 Metern nicht. Es folgt der Ruf nach mehr Polizei, mehr Repression, Zurückdrängen. Am besten die Szene auch noch gleich ganz aus aus dem Bahnhofsviertel verdrängen, „um direkt die Ursachen anzugehen“, so formuliert die CDU im Antrag OF 41/2.

Die Gegenerzählung, vorgetragen vor allem von Tim Hoppe von der SPD, wies auf einige Schwächen hin: die große Baustelle Karlstraße und Karlsplatz nimmt viel Raum. Verstärkter Polizeieinsatz im Bahnhofsviertel hat gerade zum zeitweisen Ausweichen von Teilen der Szene ins südliche Westend geführt. 17 Polizeikontrollen im südlichen Westend in letzter Zeit hatten nichts Entscheidendes feststellen können. Und vor allem, die Süchtigen sind da, wo die Dealer sind, und die Dealer sind da, wo die Großkunden sind: in den Banktürmen. Die könne man schlecht verlagern.

Bei der folgenden Abstimmung stützten CDU und FDP die Anträge, während Grüne, SPD und Linke sie weitgehend ablehnten. Die Ortsbeiräte von Volt und AfD waren nicht anwesend. Letztlich wurde Antrag OF 41/2 durch Mehrheitsentscheid in Gänze abgelehnt. Bei Antrag OF 85/2 wurden die Punkte, die sich auf Polizeieinsatz beziehen, abgelehnt. Das sind Punkte 4. und 5. im Antrag. Die Punkte 1.-3. und 6. dieses Antrags wurden angenommen. Da geht es um Maßnahmen gegen Müll rund um Altglas- und Altkleidercontainer.

So weit, so erwartbar.

Es geht mir nicht um Kritik an den Mitgliedern des Ortsbeirats, es geht mir auch nicht darum, den Eindruck zu erwecken, dass der fürs Westend zuständige Ortsbeirat sonderlichen Einfluss auf die komplexe, langanhaltende und verfahrene Situation rund um die Drogenszene hätte. Die ganze Diskussion im Ortsbeirat blieb weitgehend im sachlichen Rahmen und dauerte etwa sieben Minuten. Es gab ein volles Programm an dem Abend, mit vielen Anträgen.

Baustelle Karlsplatz

Verengung und Verdrängung: Baustelle Karlsplatz

Was mich nachdenklich macht, ist die komplette Erwartbarkeit des ganzen Ablaufs. Wie begegnet man der Situation, dass (mutmaßlich) Süchtige im Nahfeld der eigenen Wohnung Müll hinterlassen, Container ausräumen, sich erleichtern? Womöglich mit Drogen handeln, womöglich sich prostituieren? Man begegnet dem mit einem Ritual. Die einen rufen nach mehr Polizei und Repression, die anderen bremsen. Wer gerade die Mehrheit stellt, bekommt seinen Antrag durch. Der Magistrat wird dann aufgefordert… und niemand erwartet ernsthaft, dass sich irgendetwas wirklich verändert.

Wie gesagt, der Ortsbeirat 2 ist nicht der Ort, das Gesamtthema ernsthaft zu verhandeln, aber er muss sich natürlich befassen, wenn Bürger mit Sorgen sich melden. Die Behandlung der Angelegenheit erfolgte dann im Rahmen des etablierten Rituals.

Ähnliche Rituale finden sich auf vielen anderen Ebenen, seit vielen Jahren und ebenso vorhersagbar. Wer kann ehrlich sagen, dass er oder sie noch echte Verbesserungen in Bezug auf die Drogenproblematik(en) erwartet? Wer glaubt, dass die bisherigen Rezepte funktionieren, wenn man sie nur ein bisschen konsequenter anwendet? Ab wie vielen Hundertschaften ist man zufrieden? Wie viel kann den betroffenen Anwohnern und Geschäftsinhabern zugemutet werden?

Mein Wunsch, mein Appell ist folgender:

Seid kreativ! Traut Euch endlich, das Bahnhofsviertel nicht nur als Problem wahrzunehmen, sondern als komplexen und komplizierten Ort, mit Resilienz, Innovation und Grit. Es gibt reale Probleme mit der Drogenszene. Die üblichen Antworten funktionieren nicht gut. Wer es ernst meint, muss das Ritual aufgeben und neu denken.

Die Drogenszene sind nicht nur die sichtbaren Süchtigen auf der Straße, sondern auch die vielen Konsumenten in den Türmen. Dort wird das eigentliche Geld im Drogenhandel verdient. Nehmt das größere Bild in den Blick, legt Denkgewohnheiten ab. Keiner hat eine Lösung, vielleicht gibt es keine Gesamtlösung. Drogen und Sucht gehören zur Gesellschaft, ob einem das gefällt oder nicht. Es gibt aber sicher Möglichkeiten, konkrete und greifbare Verbesserungen für alle Seiten herbeizuführen. Mit den Menschen im Mittelpunkt.

Ein paar Fragen (schon oft diskutiert, aber auf der Suche nach frischen Antworten):

Urin und Fäkalien im öffentlichen Raum stören. Warum gibt es so wenige öffentliche Toiletten, im Bahnhofsviertel und in ganz Frankfurt? Und warum sind die, die es gibt, so widerlich?

Offener Konsum harter Drogen ist ein Problem. Wie kann man gleichzeitig gegen Drogenkonsumräume sein? Welche anderen Ideen gibt es?

Obdachlosigkeit ist ein Problem. Warum können wir nicht, wie andere Länder und Städte, ein Programm zur Beendigung der Obdachlosigkeit schaffen? Sollte das mit Anreizen und Auflagen verbunden sein oder bedingungslos?

Crack und Heroin sind problematisch, aber Alkohol verursacht weit mehr Gewalt, Krankheit und Tod. Und Kokain wird gerade in den Banktürmen und den reichen Vierteln auch in großem Stil konsumiert. Wo ist die Balance?

Drogensucht wird teilweise über Prostitution finanziert. Sind die Kunden mitverantwortlich? Warum oder warum nicht?

Für keine dieser Fragen gibt es einfache, klare und leicht umsetzbare Antworten. Sie brauchen nicht noch mehr der alten Rituale, sondern kreative Ansätze.

Kreativität bedeutet Ernsthaftigkeit. Kreativität bedeutet Offenheit, Umgang mit Unsicherheit, Umgang mit Beschränkungen und begrenzten Ressourcen. Kreativität bedeutet auch Übung und Hartnäckigkeit. Es immer wieder zu probieren, schrittweise besser zu werden, nie ganz ans Ziel zu kommen.

Kreativität bedeutet, von Experten und erfahrenen Menschen zu lernen, um schließlich einen eigenen, neuen Weg zu finden. Kreativität bedeutet Zusammenarbeit. Und vor allem bedeutet Kreativität Bescheidenheit.

Seid kreativ, wenn Ihr über das Bahnhofsviertel und die Probleme rund um die Drogenszene redet und handelt! Und vergesst nie, dass wir über Menschen sprechen.

Links (extern): Antrag OF 41/2, Antrag 85/2

Das Angst-Kartell (nicht nur) im Frankfurter Bahnhofsviertel – Eine Glosse

Katharina Wiench, Torsten Weber, 06.04.2026

Die immergleiche Story

Ritualisierter Streit im Frankfurter Bahnhofsviertel. Seit mindestens einem Vierteljahrhundert. Alle 3-4 Jahre. Immer die gleichen Rollen. Alle sagen ihre Sprüchlein auf. Der jeweilige Zeitgeist bestimmt die Länge der Sprechanteile. Neu seit ein paar Jahren: Die Angst. Alle haben Angst vor irgendwas. Vor allem jene, die sich im Bahnhofsviertel nur wenig auskennen. Angst wird von interessierten Kreisen medial verstärkt. Man fahndet mit Suggestiv-Fragen nach „Angst-Räumen“. Angst wird pandemisch. Wer Angst zu haben vorgibt, bekommt immer Recht. Die vorgebrachten Argumente der unterschiedlichen Filterblasen schließen sich inhaltlich zwar eigentlich aus. Aber die logischen Brüche und die eigentlich offensichtlichen Zielkonflikte werden virtuos negiert. Man zelebriert das Postfaktische: Gefühle entscheiden, Fakten stören. Problem-Trance meets Worthülsen. Man einigt sich auf die Collage eines Wünsch-Dir-was-Bilds in der fernen Zukunft. Und auf die Angst, in der alle ein Plätzchen finden. Das bleibt.

Niddasack Democracy Lab 6.9.2025

Die Akteursgruppen

  • „Die Immobilien-Lobby“: Ja, man sollte nicht alle über einen Kamm scheren, aber insgesamt hat sie eine verheerende Bilanz in Sachen guter Stadtentwicklung und in der Regel wenig Ortskenntnis. „Wir sind hier doch im Bankenviertel, oder?“ Legitime Interessen transformieren sich schleichend in real existierenden Trumpismus. „They are eating our cats and dogs!” Es wird mehr Sicherheit und Sauberkeit gefordert. Die Nationalgarde hier wäre schon gut, aber massivste Polizeipräsenz ist besser als nichts. Konkrete, pragmatische Vorschläge für Sicherheit und Sauberkeit werden dagegen abgelehnt, weil „das würde ja die Situation manifestieren und radikale Änderungen erschweren, weil es den Druck von der Politik nimmt“.
  • „Die Politik“: Die ist selbstverständlich kein monolithischer Block. Es gibt eine Stadtverwaltung mit guten Leuten. Und es gibt Parteien mit ideologischen Positionen, die Spiegel sind der Filterblasen mit den stärksten Empörungshebeln. Die Umsetzungsschwäche der „Politik“ liegt (wie in jeder Demokratie) zuallererst an den Bürgerinnen und Bürgern selbst.
  • „Die großen Arbeitgeber im und rund ums Viertel“: They couldn’t care less. Soziale Nachhaltigkeit ist kein Gewinner-Thema. Außer es gibt Druck wegen Employer Branding und so. Dann zeichnet man öffentlichkeitswirksam Ablassbriefe, schickt Abgesandte in Gesprächsrunden und macht Druck auf die Politik.
  • „Die privilegierte Home-Office-Elite“: Arbeitet bei den großen Arbeitgebern im und rund ums Viertel. Back to office war für jene ein besonders krasser Schock. Es war ja nicht zu erwarten, dass der eigene Küchentisch anders aussieht als das Bahnhofsviertel, wie wir es seit Jahrzehnten kennen. Von der Covid-Sterilität ungebremst ins pralle Leben. Ekel vor Schmutz ist ja eigentlich etwas anderes als Angst. Aber wen interessieren solche Feinheiten? Klassismus ist schließlich wieder schick. Heutzutage ist mein Arbeitgeber verantwortlich dafür, dass mein Auge auf meinem Weg zur Arbeit nicht von den Zumutungen der Realität beleidigt wird. Selbst dann, wenn ich sie vielleicht sogar selbst mit erschaffen habe.
  • „Die vielen Mitarbeitenden der Sucht-, Wohnungslosen- und Krisen-Hilfe“: Krasser Job. Du reißt Dir den Hintern für wenig Geld an den gesellschaftlichen Frontlinien auf, und Besserwisserinnen und Besserwisser ohne Front-Erfahrung werfen Dir Knüppel zwischen die Beine. Das macht was mit Dir.
  • „Die Drogen-Konsumierenden“: Die OHNE Geld sollen gefälligst die Klappe halten. Man hat Angst vor ihnen, weil sie andere Leben leben als man selbst, oder vielleicht auch, weil sie uns an unsere eigenen dunklen Seiten erinnern. Die Drogen-Konsumierenden MIT Geld melden sich dagegen besonders laut zu Wort. Immer wieder unser Highlight: Die beiden Fonds-Manager, die fast täglich mittags am Brunnen des Opernplatzes sitzen, 2 Flaschen Barolo und 2 Zigarren wegmachen und dabei über die „Junkies im Bahnhofsviertel“ herziehen.
  • „Die Polizei“: Hat eine anspruchsvolle Rolle. Und macht insgesamt einen guten Job. Jene mit Bahnhofsviertel-Erfahrung wären offen für Pragmatismus, wenn der geschürte Volkszorn (via Politik) sie nicht zu Symbolpolitik und Aktionismus zwingen würde – oft zu ihrem eigenen Leidwesen. Gut gemeint ist schließlich zumeist nicht gut gemacht – auch hier nicht.
  • „Das Comeback der harten Repression“. Das ist der eigentliche Zombie im Bahnhofsviertel, der immer wieder ausgegraben wird! Der „War on Drugs“ und Überwachungsphantasien als feuchte Träume autoritärer Regime und handelsüblicher „Law & Order“ Fans waren in der Menschheitsgeschichte zwar noch nie nachhaltig erfolgreich, aber sie mobilisieren immer wieder zuverlässig die primitiven Instinkte der bürgerlichen Mitte. Dagegen haben schlaue, ganzheitliche Lösungskonzepte keine Chance.
  • „Die Sexarbeit“: Das Bahnhofsviertel war noch nie repräsentativ, aber in gewisser Weise ein Spiegel verdrängter Wahrheiten, schlecht ausgeleuchteter blinder Flecken und verlogener Moral- und Reinlichkeitsvorstellungen. Es war eine nützliche Projektionsfläche und wurde ansonsten von der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft in Ruhe gelassen – von den unsäglichen Rotlicht-Führungen mal abgesehen. Seit geraumer Zeit aber verunmöglicht eine unheilig-illiberale Koalition von reaktionären Fundamentalist:innen und Vulgär-Feministinnen einen vorurteilsfreien Dialog über die wirklichen Ursachen von Ausbeutungspraktiken in praktisch allen (!) Branchen. Die Shit-Storm-Gefahr durch Empörungsunternehmer:innen ist so groß wie nie.
  • „Die neu-zugezogenen Anwohner:innen“: Es gibt 2 Fraktionen. Typ „Wirtschaftsprüfer aus dem Schwäbischen, der dem Verkäufer seiner Neubau-Eigentumswohnung wirklich geglaubt hat, dass das ganze Drogen-Zeugs bis zu seinem Einzug weg ist“. Und Typ „junge Familie, die mit den kognitiven Dissonanzen zwischen dem eigenen (eher woken) Virtue Signalling und dem eigenen (eher anti-woken) Handeln kämpft“.
  • „Die (Lokal-)Presse“: Wir treiben grundsätzlich alle Themen, die primitive Instinkte ansprechen und Klicks generieren. Dafür partnern wir gerne mit den immer gleichen…
  • „… selbst ernannten Kronzeuginnen und Kronzeugen des Viertels“: Jene haben zumeist harte kommerzielle Interessen, die sie geschickt mit Zeitgeist-Ornamentik camouflieren. Einmal Kronzeuge, immer Kronzeuge.
  • „Hotels und Gastronomie“: „Es ist eigentlich ganz einfach. Unsere Gäste sollen sich wohlfühlen. Klar, das ist eine eher kurzfristige Perspektive, aber die mittelfristigen Auswirkungen von Quartiersentwicklung sind jenseits unserer Business Pläne. Unser Engagement fürs Viertel endet mit unserer Schicht – also, wenn wir uns ehrlich machen.“
  • „Party People und Event-Gäste“: Werden von Hotels und Gastronomie hofiert. Gut zahlende Gäste sollen sich schließlich wohlfühlen. Leider pinkeln aber auch jene an die Wände und in die Innenhöfe und werfen ihre Kippen, Gläser und Flaschen auf die Straße. „Gibt es dafür nicht jemanden, der das wegmacht?“ Die Welt ist halt komplizierter.
  • „Youtuber:innen“: Ran-gezoomtes Elend, Inszenierung von Konflikt, Abwertung und Überheblichkeit. Dann je nach Zielgruppe noch eine Prise rechtspopulistischer Rassismus oder linkspopulistischer Sexismus dazu – und dann kann man damit auch herrlich noch die eigene Kosmetik-Serie verkaufen.
  • „Die Wirtschaft“: Die gibt es natürlich so auch nicht. Wirtschaftssubjekte sind so vielfältig wie die Gesellschaft selbst. Verbandsfunktionäre springen aber irgendwann dann doch immer auf die Wellen der der Wut-Bürger:innen und letztlich der Immobilien-Lobby. Die sind am potentesten.
  • „Künstlerinnen und Künstler“: Die Joker! Da alles andere einen Tick zu komplex, einigt man sich jedes Mal darauf, „irgendetwas mit Kunst“ zu machen. Das geht immer und verkauft sich gut in der Öffentlichkeit. Und niemand ist dagegen. Ok, bringt nix für das Viertel. Aber es fühlt sich echt gut an. Also für die, die sich auf den Vernissagen treffen.
  • „Die Kriminalität“: Die geht zwar eigentlich – wie fast überall – auch im Bahnhofsviertel zurück. Also wenn es nur um die Fakten ginge. Und nicht um…
  • „… die gefühlte Sicherheit“ und „Angst-Räume“: Beides traurige Symbole des post-faktischen Zeitalters. Und auch in Hessen Staatsräson geworden. Dass man mit dem zuvor aufgeputschten Volksempfinden in Deutschland noch mal Politik machen darf, lässt erschauern.
  • „Die Öffentlichkeit“ oder „die Gesellschaft“ als pluralistisches Korrektiv: Gibt es nicht mehr. Die sehr unterschiedlichen (und unversöhnlichen) Echokammern einigen sich auf die „gefühlte Angst“ als kleinsten gemeinsamen Nenner. Und niemand traut sich, dem Angst-Kartell zu widersprechen. Dass wir das hier gerade schreiben, ist eigentlich publizistischer Selbstmord.
  • „Die große Mehrheit jener Menschen, die seit Jahrzehnten und 24/7 im Bahnhofsviertel leben und arbeiten“: Die leben und arbeiten halt. Und haben wenig Zeit für Gesprächsrunden und keine Lust auf Ideologie. Ist aber auch egal, weil sie ohnehin ignoriert werden! Eine Konfrontation mit den Fakten und dem Pragmatismus der Menschen vor Ort wäre der „gefühlten Sicherheit und der gefühlten Angst“ nicht zumutbar. Schade, eigentlich!

 

(© Katharina Wiench & Torsten Weber, 6.4.2026)

Offener Brief an ALLE im Bahnhofsviertel

Torsten Weber, 31.08.2017

Niddasack Democracy Lab 6.9.2025

Liebe neue und alte BesucherInnen und BewohnerInnen in unserem Bahnhofsviertel,

ich vermute, dass Ihr – genauso wie ich – die Berichterstattung in der Frankfurter Lokalpresse verfolgt: Ein tosender Orkan! Es heißt, Drogen-Banden würden rund um die Uhr PassantInnen belästigen, betrunkene Jugend-Gruppen AnwohnerInnen nachts den Schlaf rauben, alles würde immer schmutziger, die Polizei hätte nichts im Griff, Bürgerrechte müssten eingeschränkt werden, um einer aus dem Ruder gelaufenen Situation wieder Herr zu werden. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mir schicken Bekannte aus Deutschland und darüber hinaus besorgte Mails und fragen, ob es mir noch gut gehe. „Bei Euch herrscht ja so etwas wie Bürgerkrieg, liest man.“

Dann mache ich den Computer aus, verlasse das Büro und gehe nach Hause. Durch Nidda-, Mosel-, Taunus-, Karl- und Düsseldorfer Straße. Wie praktisch jeden Tag seit 15 Jahren wieder. Zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten. Vor einigen Monaten habe ich beschlossen, bewusst Umwege durch alle Ecken des Viertels zu laufen und aktiv nach Belegen zu suchen für das, was ich in den diversen Medien lese.

Doch da ist… nichts! Nichts, was anders wäre als vor 5, 10 oder 15 Jahren und schon gar nicht als das, was ich aus meiner Kindheit und Jugend in den 1970/80er Jahren hier kenne. Im Gegenteil: Alle AkteurInnen, die schon lange hier im Viertel sind, bestätigen, dass die „Zustände“ sogar in vielerlei Hinsicht besser geworden seien.

Zur Erinnerung: Die Stadt Frankfurt hat in den letzten 15 Jahren alle Register gezogen, um das Bahnhofsviertel „aufzuwerten“. Käufer von Luxuswohnungen wurden subventioniert, Ateliers für KünstlerInnen wurden zur Verfügung gestellt, die Ansiedlung von Szene-Gastronomie wurde finanziell und ideell gefördert. In der Folge wuchsen wie gewünscht die Wohnbevölkerung und deren durchschnittliches Einkommen genauso wie die Anzahl der TagespendlerInnen und der Szene-Kundschaft am Abend. Gleichzeitig gibt es heute nach wie vor (und wie an praktisch allen Hauptbahnhöfen in großen Städten) Angebote von Sexarbeitenden, Einrichtungen für Drogenkranke, eine gewisse Anzahl von Wohnungslosen und von Menschen, die durch das soziale Netz gerutscht sind und die sich – wie schon immer in der Menschheitsgeschichte – an zentralen Verkehrsknotenpunkten sammeln. Wo dann alles, was menschlich ist, (natürlich) direkter, härter, unmittelbarer ist.

Doch woher – frage ich auch Euch – kommt dann diese plötzliche Hysterie? Und vor allem: Wem nützt sie eigentlich?

Es ist natürlich keine neue Erkenntnis, dass es potente Lobby-Gruppen gibt, die die bekannten Mechanismen rund um Angst und Halbwissen mit gezielter Desinformation befeuern. JournalistInnen primär von außerhalb des Viertels sehen aus nachvollziehbaren Gründen eine Chance, ihre Auflage/Quote/Klick-Zahlen zu stärken, indem sie mit negativen „News“ dramatisieren und das (Nicht-)Thema am Kochen halten (und sich gleichzeitig gerne auf Vernissagen von Galerien, Ateliers und neuen Bars hier einladen lassen). Und wie immer finden sich auch ein paar KronzeugInnen aus dem Viertel, die sich ohne Mandat zu SprecherInnen des Viertels erklären und öffentlichkeitswirksam ureigene (kommerzielle) Interessen als Meinung des Viertels ausgeben. Da ist es verständlich, dass Menschen schon mal verunsichert sind und der allgegenwärtigen Stimmungsmache Glauben schenken. Insoweit wäre das Bahnhofsviertel nicht mehr und nicht weniger ein Spiegel der gesellschaftlichen Reizbarkeit in Deutschland und Europa. Warum sollten „besorgte Bürger“ hier besonnener agieren als anderswo?!

Nun, vielleicht weil die meisten von ihnen entweder gar nicht hier im Viertel leben oder vor kurzem erst (vermutlich freiwillig) hierher gezogen sind. Das macht dann schon einen Unterschied. Da beziehen Luxus-MigrantInnen Eigentumswohnungen hier im Viertel. Vielleicht kommen sie aus Hamburg-Blankenese, aus hübschen Taunus-Dörfern oder aus anderen „besseren Gegenden“. Schicke Agenturen mieten hier kernsanierte Büroflächen an, um vom „Shabby Chic“ des Viertels zu profitieren. Sie alle gemeinsam ermöglichen erst den Design-Hotels und Szene-Gastronomen ihre Existenz. Und klar, all diese ZuzüglerInnen projizieren die Bilder ihrer eigenen, homogenen Herkunfts-Puppenstuben auf das real existierende Bahnhofsviertel und stellen – oh Schreck – eine Differenz fest. Die meisten signalisieren wenig Bereitschaft, die gewachsene lokale Kultur verstehen zu wollen. Kaum Neugier, ungeschriebene Gesetze kennenzulernen. Jedenfalls keine Demut, es für möglich zu erachten, dass da vielleicht etwas ist, was den eigenen Horizont erweitern oder sogar – man glaube es kaum – auch positive Aspekte haben könnte. In anderen Kontexten würde man das wohl mangelnde Integrationsbereitschaft nennen! Aber auch das würde ich wohl noch verstehen. Wenn aber in einer Art Kausal-Umkehr die hier schon seit Jahrzehnten lebenden Bevölkerungsgruppen die Verantwortung für alles hier im Viertel zugewiesen bekommen, dann ist das intellektuell unredlich und schlichtweg schäbig. Und deswegen möchte ich an all die gutwilligen Neuankömmlinge unter Euch appellieren:

Ihr alle, die Ihr freiwillig in unser gastfreundliches Viertel gezogen seid, Ihr alle seid willkommen! Wir sind stolz auf unsere Vielfalt mit über 100 Nationalitäten, zahlreichen Religionen und auch vielen „Randgruppen“, die eine jede Gesellschaft erst vollständig machen. Daher können und wollen wir auch Euch bei uns integrieren. Nur hütet Euch vor Eurem Hochmut, vor Eurem Hochmut zu glauben, Ihr wäret die Besseren und umgekehrt die Drogen-Kranken, Sexarbeitenden, die Prostitution generell, die Wohnungslosen, die alten und neuen Geflüchteten wären die Schlechteren. Ihr könnt es Euch vielleicht nicht vorstellen, aber Ihr selbst seid es, die Ihr das fragile Gleichgewicht hier durcheinander bringt. Unser Bahnhofsviertel glich lange einem Dorf, in dem die gegenseitige Rücksichtnahme und Hilfe (!) insgesamt gut funktionierten.

Die verschiedenen Filter-Blasen in der Gesellschaft mögen vielleicht unterschiedliche Gründe haben, warum sie mit dem Bahnhofsviertel fremdeln, aber sie alle eint der Wunsch nach sozialer Ähnlichkeit und die Ablehnung von Diversität in der eigenen Umgebung: Ethnische und religiöse Vielfalt ist für tendenziell rechte Filter-Blasen plötzlich eine Riesen-Gefahr geworden, gleichzeitig sind tendenziell linke Filter-Blasen z.B. eine unheilige Koalition mit religiösen FundamentalistInnen eingegangen und haben sich gänzlich illiberal auf Sex-Arbeit im Allgemeinen eingeschossen. Die Forderung von Repression und das Gefühl von moralischer Überlegenheit der eigenen Gruppe sind offenbar wieder in Mode gekommen.

Aber zum Glück erlauben pluralistische Gesellschaften unterschiedliche Lebensformen. Vielfalt ist schön und eine Zumutung zugleich. Lasst uns also alle gemeinsam dieses Viertel gestalten und mehr mit- als übereinander reden! Daher schließe ich mit sechs kleinen Appellen an uns alle, die unserem Bahnhofsviertel aus meiner Sicht helfen würden:

  1. Schlichter Realismus: Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist seit Jahrzehnten ein integraler Teil Frankfurts und Deutschlands. Nicht repräsentativ, aber in gewisser Weise ein Spiegel verdrängter Wahrheiten, schlecht ausgeleuchteter blinder Flecken, verlogener Moral- und Reinlichkeitsvorstellungen. Es war eine nützliche Projektionsfläche und wurde ansonsten in Ruhe gelassen. Letzteres ist vorbei, aber alles andere wird und kann sich nicht ändern. Versucht das zu akzeptieren!
  2. Weniger Ideologie: Die Diskussion oszilliert gerade zwischen Extrempositionen vom Typ „Resignative Marktgläubigkeit gegen platte Gentrifizierungs-Kritik“. Wie wäre es mit mehr kommunikativer Abrüstung? Wie viele Menschen gibt es eigentlich, die sowohl sagen können „Die PolizistInnen machen hier insgesamt einen guten Job“ als auch gleichzeitig „Selbstverständlich gibt es hier gelegentlich Fälle von „Racial Profiling“ durch PolizistInnen?!
  3. Ganzheitlichere Stadtteil-Entwicklung: Die Stadt Frankfurt, ihre Dezernate und wir alle sollten endlich anfangen, unsere Aktivitäten im Bahnhofsviertel zu koordinieren. Handwerklich gute Viertel-Entwicklung muss mehr als „Stadtplanung“ sein. (Hat irgendjemand allen Ernstes geglaubt, dass bei mehr und andersartigen Menschen auf dem gleichen Raum keine Reibungen entstehen würden?) Und schließlich: Wer „aufwertet“, sollte eigentlich auch einen Plan für den Fall haben, dass das Pendel zu weit in Richtung „Freilicht-Museum“ ausschlägt.
  4. Mehr Dialog miteinander und respektvolle Anerkennung der jeweiligen Interessen: Dies könnte eine spannende Übung in pluralistischer Demokratie sein, wenn man spürt, dass jeder von uns selbst zu irgendeiner Minderheit gehört und keine alleinige Deutungshoheit gesellschaftlicher Prozesse beanspruchen kann. Wir würden so eine Art „soziales Zukunftslabor“ schaffen. Wenn es hier quasi unter verschärften Bedingungen funktionieren könnte, dann würde es wohl überall klappen… 🙂 Der erste Versuch einer entsprechenden „Initiative Bahnhofsviertel 2025“ ist vor zwei Jahren nach vielversprechendem Beginn eingefroren worden. Vielleicht wird die Zeit dafür ja reifer…
  5. Mehr Geld für das Bahnhofsviertel: Nicht nur, dass öffentliche Gelder in den letzten 15 Jahren hier nicht klug eingesetzt wurden. Wenn die Stadt und die Bürger dieser Stadt wirklich möchten, dass das Bahnhofsviertel ein attraktives Tor zur Stadt ist und zugleich diverse soziale Aufgaben für das gesamte Stadtgebiet erfüllt (nicht nur, aber auch die Betreuung Drogen-Kranker), dann muss sie etwas Geld aus anderen Stadtteilen hierher umleiten. Bisher hatten die Menschen hier keine Lobby. Mit Euch „Neulingen“ jetzt schon!
  6. Erweiterung der eigenen Komfortzone: Macht doch einfach mal selbst ein Experiment. Wenn Ihr hier im Viertel Menschen begegnet, die offenbar ganz anders leben als Ihr selbst, dann schaltet für einen Augenblick Eure bestehenden Bewertungsschemata aus und sucht einen Aspekt, der in dem Leben dieser anderen besser als in Eurem eigenen sein könnte. Ist noch kein richtiger Perspektivenwechsel, aber schon mal ein Einstieg! 🙂

 

Nachbarschaftliche Grüße

Torsten Weber

Frankfurt-Bahnhofsviertel, 31. August 2017


Der Autor ist gebürtiger Frankfurter und wanderte schon als Kind und Jugendlicher in den 1970/80er Jahren durch das Bahnhofsviertel. 2003 entschied er sich gegen das zu brave Berlin und zog bewusst zum Leben und Arbeiten ins Frankfurter Bahnhofsviertel, weil dort alle Facetten des Menschseins gleichzeitig zu Hause waren. (www.bridging-ideas.com)